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Der Ungläubige Martini

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Vorwort:

In den letzten Tagen erreichte mich eine Anfrage von einer Frau M. aus K., in der sie fragte, ob ich die Geschichte des Kreta-Virus selber geschrieben habe. Das tut weh, zweifelt man doch an meinem eigenen Ideenreichtum! Ich sehe mich gezwungen, auf diese ungeheuerliche Provokation zu handeln. Dabei möchte ich gerne auf eigene Erfahrungen mit meinem Freund und ´Mentor` „Frangiskos“ zurückgreifen. Zufällig bin ich in diesen Tagen mal wieder mit „Frangiskos“ zum Essen verabredet. „Frangiskos“ ist Übersetzer und der ehemalige Herausgeber der „CretaSommer-Zeitung“. Ich bin seit über einem Jahrzehnt ein großer Bewunderer seines unglaublichen Schreibstiles. In vielen seiner Satiregeschichten finde ich meine Erfahrungen mit dem „ganz alltäglichen Kretischen Wahnsinn“ wieder. 1997 ermutigte ich ihn, doch seine Schreibkünste der Allgemeinheit  zu öffnen. Lange zierte er sich und zog es vor, seine  Zeitung kostenlos an die Touristen abzugeben. Nachdem seine Frau Iphigenia ihm die Scheidung androhte, da ihr wegen dem ständigen Geldmangel die geliebten Schuhkäufe unmöglich wurden, besann sich Frangiskos meines Vorschlages. Er gründete einen Verlag und vermarktet nun seine Schreibkünste in Buchform. Seine Bücher fesseln nun Unmengen an Strandurlaubern, die sich auf Ihren Strandliegen vor Vergnügen auf ihre Sonnenbrände klatschen. Heute lebt Frangiskos in Wohlstand und ermöglichte seiner Frau den Kauf eines Schuhgeschäftes! Seinen Job als Übersetzer führt  Frangiskos aber sozusagen als Hobby weiter, da ihm hierbei die nötigen Anregungen für weitere Geschichten kostenlos ins Haus getragen werden. In seinem Buch „Führung durchs Kretische Labyrinth“ aus dem Jahr 2003 (ISBN 960-87602-0-8) findet sich eine Geschichte, die seinen Humor im Umgang mit guten, kritischen Freunden wiedergibt. In welcher „traditionellen Siedlungen“ sein Martini Ypogios wohnt, überlasse ich unkommentiert Ihrer regen Phantasie. Angeblich soll diese Geschichte auf einen wahren Plan basieren! Viel Vergnügen bei einer genehmigten Leseprobe seiner satirischen Boshaftigkeit und zweifeln Sie nie an meinen eigenen Geschichten, denn auch ich finde Mittel und Wege sie davon "zu überzeugen“!

Der Ungläubige Martini

Haben Sie sich auch schon einmal gewünscht, jemand anderes zu sein? Zum Beispiel, wenn Sie morgens auf dem Weg zur Arbeit von der Polizei angehalten wurden, weil Sie zu schnell gefahren sind. Wären Sie in diesem Augenblick Mel Gibson, würde die streng blickende Politesse den Bußgeldblock wieder einstecken und anfangen Ihre Haare zu richten. Selbst ihr mürrischer Kollege ließe sich die Gelegenheit nicht entgehen, für seine Tochter um ein Autogramm zu bitten, was ein Beweis dafür ist, dass unfreundliche Beamte nicht zwangsläufig auch schlechte Väter sein müssen.

Es gibt noch unzählige andere Beispiele für Fälle, in denen ein Identitätswechsel von Vorteil wäre: Wenn Sie als Sharon Stone oder Demi Moore in ein überfülltes Restaurant kämen, würde der Kellner augenblicklich irgendeinen Unglücklichen, der nur das Tagesmenü bestellt hat, am Schopf packen und vor die Tür setzen, um Ihnen einen freien Tisch zu beschaffen. Bei anderen Gelegenheiten wäre man schon zufrieden, für fünf Minuten in der Haut des Installateurs Manolis schlüpfen zu können, nämlich dann, wenn Zuhause der Wasserhahn tropft, und man nach zweistündigen Versuchen nichts weiter erreicht, als die Küche unter Wasser zu setzen und bissige Kommentare von seiner Schwiegermutter zu ernten.

Franziskos ist eigentlich ganz zufrieden mit sich selbst, und seine Wünsche hinsichtlich eines Rollentausches beziehen sich meist nicht auf seine eigene Person, sondern auf seine Frau, besonders dann, wenn er einen Holzspan im Finger hat und sie versucht ihn mit der Stricknadel herauszuoperieren. In solchen Augenblicken wünscht er sich, mit Professor Barnard verheiratet zu sein. Aber in letzter Zeit häufen sich die Fälle, in denen das Verlangen in ihm aufkeimt, sein eigenes Ich aufzugeben, um für kurze Zeit Edgar Allan Poe oder Franz Kafka zu sein. Frangiskos beschäftigt sich nämlich mit der brotlosen Kunst des Schreibens und manchmal gelingt es ihm, einen halbwegs lesbaren Text auf Papier zu bringen. Und immer dann, wenn er seinen Lesern ein paar lobende Kritiken abgerungen hat und sich zum hundersten Mal entschlossen hat, allen Unsicherheiten und Zweifel zum Trotz weiter zu machen, kommt sein Freund Martini Ypogios und wendet sich mit folgenden Worten an ihn: „Du, deine letzte Geschichte, du weißt schon, die mit dem Elefanten in der U-Bahn, die war wirklich geil. Ich habe mich fast nicht mehr eingekriegt.“

Frangiskos kann sich nicht erinnern, jemals über seinen Elefanten in einer U-Bahn geschrieben zu haben, denn auf  Kreta gibt es weder Elefanten noch U-Bahnen, aber das Lob, wenn auch in etwas flapsiger Form vorgebracht, tut ihm dennoch gut. Gerade als er den Mund öffnen will, um sich zu bedanken, kommt der vernichtende Nachsatz. „Sag mal, woher hast du denn all diese Geschichten? Schreibst du die irgendwo ab?“

Es reicht nicht, dass dieser Schwachkopf selbst zu wenig Phantasie besitzt, um sich vorzustellen zu können, dass jemand in der Lage ist, ohne fremde Hilfe einen Bleistift zu halten, nein, er muss auch noch die Kreativität anderer Leute anzweifeln. Frangiskos ist nicht der Typ, der sich hinstellt und beteuert, alles, was er schreibt, sei von ihm. Er nutzt die Zeit lieber, um sich eine neue Geschichte auszudenken. Aber die Haltung Martinis ärgert ihn trotzdem. Man setzt sich schließlich nicht stundenlang hin, recherchiert und denkt sich Handlungen und Dialoge aus, nur damit dieser Ignorant anschließend fragt, wo man sie her hat. Nach der letzten Attacke beschloss Frangiskos, sich zu rächen.

So kam es, das Martini ein paar Tage später in der Zeitung einen Artikel las, dem er entnehmen konnte, dass die archäologische Behörde damit begonnen hatte, alle Baugenehmigungen für Gebäude in „traditionellen Siedlungen“ neu zu überprüfen und zu erwarten sei, dass sich ein ausgesuchtes Expertenteam vor Ort von der Einhaltung der Vorschriften überzeugen würde. Des weiteren wurde er informiert, dass die Finanzbehörde die "vorläufigen Schätzwerte“ von Immobilien, die in den vergangenen acht Jahren von Ausländern gekauft wurden, neu kalkuliert würde, was befürchten ließ, dass die Eigentümer mit saftigen Steuernachzahlungen rechnen mussten.

Wie erwartet, tauchte Martini noch am gleichen Tag mit leicht erhöhtem Puls bei Frangiskos auf und fragte, ob diese neue Maßnahmen auch ihn beträfen. Er hatte nämlich in einer „traditionellen Siedlung“ ein reparaturbedürftiges Haus gekauft und zeitweise einige Schwierigkeiten mit der archäologischen Behörde gehabt. „Ich weiß nicht, ob sie dich betreffen oder nicht. Es kommt darauf an, ob du dich an die Auflagen gehalten hast. Falls ja, hast du nichts zu befürchten, falls nein, musst du wohl den vorschriftsmäßigen Zustand herstellen.“

„Ich werde überhaupt nichts machen. Ich lasse alles so, wie es ist. Die haben bei mir schon einmal eine Kontrolle gemacht und mich anschließend alles wieder abreißen lassen. Die werden doch nicht noch einmal kommen?“

„Ich fürchte doch“, sagte Frangiskos mit besorgter Miene. „Sie interessieren sich hauptsächlich für die Größe der Fenster und dass die richtigen Dachziegel verwendet wurden.“

„Was gehen die meine Fenster und meine Ziegel an. Ich brauche viel Licht zum Lesen Deiner Geschichten, denn im neuen Jahrtausend möchte ich selber mit der Schriftstellerei beginnen und außerdem gefallen mir nun mal französische Ziegel.“

Frangiskos klärte ihn auf, das in einer traditionellen Siedlung nun mal alles traditionell sein müsse. „Die Menschen hatten früher kleine Fenster, weil ihre Häuser bei Piratenangriffen als Festung dienen mussten. Kannst du dir vorstellen, was für einen Schaden eine Kanonenkugel an einem Panoramafenster anrichten würde? Und was die Ziegel betrifft, so kannst du sicher sein, dass französische Dachpfannen erst viel später in Mode kamen.“ Martinis Augen hatten jenen glasigen Blick, den man von ausgezählten Boxern kennt. Er besaß kaum noch Kraft, um die nächste Frage zu stellen: „Und diese Sache mit der Steuernachzahlung? Das gilt doch wohl nur für diejenigen, die noch nichts bezahlt haben?“ Aber er musste sich aufklären lassen, dass der griechische Staat bei den Steuerveranschlagungen in weiser Voraussicht das Adjektiv ´vorläufig` verwendet, um im Bedarfsfall immer wieder darauf zurückgreifen zu können. Die bevorstehenden Olympischen Spiele waren ein solcher Bedarfsfall.

Da Frangiskos Martinis Anfrage nach der Höhe der zu erwartenden Kosten nicht beantworten konnte, rief er bei seinem Steuerberater an und erhielt die variable Auskunft: „In keinem Fall unter zwei und nur in Ausnahmefällen über 10 Millionen.“

Nachdem er sich unter dem Sauerstoffzelt etwas erholt hatte, wurde Martini auf eigene Verantwortung nach Hause entlassen.

Er diskutierte die Sache in den nächsten Tagen mit einigen ihm bekannten Hausbesitzern und erkundigte sich, wie sie sich in der Angelegenheit verhalten würden. Aber entweder hatten die Befragten kleine Fenster, oder sie wohnten in „nicht traditionellen“ Siedlungen. Einer machte ihm den Vorschlag, er solle doch versuchen, die Archäologen zu ´schmieren`. „Ja, das ginge“, stimmte ein anderer zu, „aber denke daran, dass du in diesem Fall dem Finanzamt einen Quellennachweis vorlegen musst und wenn einer von ihnen sein Geld in Dollar will, brauchst du auch noch die rosa Belege für die Deviseneinfuhr.“

Martini sank in eine gnädige Ohnmacht und erwachte erst wieder am nächsten Morgen durch das Dröhnen eines Presslufthammers. Im ersten Moment glaubte er, es sei ein Erdbeben ausgebrochen, aber dann sah er Jorgos auf dem Nachbargrundstück mit dem Kompressor hantieren und ging hinüber, um herauszufinden, was los sei.

Jorgos, ein mit Frangiskos befreundeter Bauunternehmer, hatte in Martinis Dorf ein größeres Bauprojekt übernommen und war bei den Erdaushebungen auf einen Felsblock gestoßen, der teilweise unter Martinis Fundamenten lagerte und nach Lage der Dinge nur weggesprengt werden konnte. Er ignorierte Martinis Fragen, aus dem einfachen Grund, weil er sie nicht verstand und rief nach einem Zollstock, mit dem er die Tiefe der Bohrlöcher für das Dynamit  nachmessen wollte. Das Einzige, was Martini aus dem Wortschwall herausklaubte, waren die Wörter ´Dynamit` und ´Metro`, was im griechischen soviel wie Zollstock bedeutet. Da seine  Griechischkenntnisse über ´Jamas` nicht hinausgingen, setzte er ´Metro` mit U-Bahn gleich und Dynamit mit Dynamit. „Sie wollen einen U-Bahnschacht unter meinem Haus durchführen“, entfuhr es ihm. Frangiskos hatte indessen den Gnadenstoß vorbereitet. Er hatte einen Artikel verfasst, in dem die Ankunft des Zirkus Rüsselein angekündigt wurde, der mit seinen indischen Elefanten auch in Martinis ´traditioneller Siedlung` ein Gastspiel geben würde.

In dieser Nacht träumte Martini, dass der Elefant während der Vorstellung, aufgeschreckt durch den Lärm des Kompressors, aus dem Zirkuszelt floh und in seinem Garten eindrang. Nachdem das Tier seine mühsam angelegten Blumenbeete niedergetrampelt hatte, gab der Boden unter seinem Gewicht nach, und brach mitsamt dem Haus in den U-Bahnschacht ein.

Martini griff schweißgebadet und staubbedeckt zum Telefon, das am Rüssel des Elefanten hängengeblieben war und rief Frangiskos an. „Ich bitte dich, tue irgend etwas, lass die Geschichte positiv ausgehen.“

Jetzt hatte ihn Frangiskos da, wo er wollte. „Du glaubst also nicht mehr, dass ich meine Geschichten irgendwo abschreibe? „Bestimmt nicht. So eine morbide Phantasie hat außer dir kein Mensch.“

„O.k., ich werde dich im Schacht einen alten Piratenschatz finden lassen, damit du den Schaden am Haus und die Schmiergelder für die Archäologen bezahlen kannst. Aber frag` mich nie mehr, wo ich meine Geschichten her habe, sonst lasse ich dich am Schluss noch eine Schatzsteuer zahlen, die höher ist als ein ausgewachsener Elefant.“

 

Frank Althaus 2003

 

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