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Martini war heute besonders gut gelaunt, deshalb traf ihn der Schreck doppelt, als er dem Tod eine Kurve lang ins Auge sehen durfte! Aber von Anfang........! Die beste aller Lebensgefährtinnen war Ausnahmsweise mal genau so früh wach, wie der Frühaufsteher Martini. Sie hatte diesen gewissen Glanz im Auge, der eine Nackenmassage anforderte. Als Gegenleistung gab es dann für Martini ein besonders leckeres Frühstück, um die Kräfte wieder aufzubauen. So liebte Martini den Tagesbeginn!
An der Kaffeetafel beschloss man dann die Tagesaktivitäten. Ein Besuch beim alten Freund Kunooti war schon lange mal wieder fällig, denn schließlich hatte er aus Deutschland, durch eine instruierte Touristin frische Nordseekrabben und Spargel bekommen. Beides sind Genussmittel, die hier auf der Insel mit Gold aufgewogen werden. Warum sollte Kunooti denn dann alles allein in sich hineinstopfen und mal wieder unter Völlegefühl leiden? Der mit einem hohen PH - Wert versetzte Speichel lief den beiden im Mund zusammen und man schmiss sich gierig in die Klamotten.
Der Hyundai war schnell erreicht, ebenso so schnell war die Katze auf dem Dach des Autos verjagt (wieder ein paar Kratzer mehr). Aber leider versperrte ein Pick-Up den Parkplatz von Martini. Also, Fahrer suchen! Könnte doch eigentlich nur in Manolis Kafenion sitzen! Martini kam zur Tür herein und traute seinen Augen nicht. Da saß doch am Helligen Tage die gesamte Männerschaft des Dorfes in feinen Klamotten an langen Tischreihen. Dabei auch viele fremde Gesichter! Wurde hier ein Junggesellenabschied gefeiert? Krabben essen oder Mitfeiern? Martini entschied sich für das erstere. Der Fahrer war schnell gefunden und trabte an, um seine bankfinanzierte Luxuskarre zu entfernen. Angesichts der knappen Verfallsdaten von frischen Krabben ging es in eiligem Tempo durch die enge Gasse, vorbei an der Hauptkirche, in die erste Kurve am Ortsausgang von Maroulas. Martini nahm die Kurve wie immer von innen, um seine Bestzeit des Vortages zu übertreffen. Wozu ist Michael Schuhmacher ein entfernter Verwandter des Clans der „Besten Lebensgefährtin der Welt?“ Da heißt es nacheifern, um schnell an seine Nordseekrabben zu kommen! Die zweite Rechtskurve wollte Martini in Mittelposition angehen um auf Ideallinie zu bleiben.
Dann passierte das unausweichliche, das Wawara bei Martini als „Zuck-Syndrom“ bezeichnet! Zur Erklärung: Martini erschreckt sich eigentlich in jeder Kurve, die von Maroulas in Richtung „Touristengazastreifen“ herunterführt, wenn ihm dabei ein Auto entgegen kommt. Er verreißt dabei jedes Mal das Steuer, was Wawara mit heftigen Schweißausbrüchen quittiert und dabei immer wieder fluchend auf sein hohes Alter und seine Fahruntüchtigkeit hinweist. Normalerweise entbrennt daraus immer eine heftige, nervöse Diskussion, die dann in Kurve drei zu Sprachlähmungen beiderseits führt.
Dieses mal sollte es in Kurve zwei anders kommen! Auf der Ideallinie hatte Martini, (der seinen Kopf leicht nach links hielt, um besser entgegenkommende Autos zu erfassen) ein blaues Flackern vor den Augen, das nichts mit der blauen Flagge für die saubersten Strände auf Kreta zu tun hatte. Was ihm da auf der Ideallinie entgegenkam, war Weiß mit Blauen Streifen und hatte ein rotierendes Blaulicht auf dem Dach. Martini konnte das Weiße in den Augen des Fahrers erkennen, als er gedanklich den Aufprallwinkel auf die Mitte Frontpartie Polizeikutsche festlegte.
In solchen Momenten schießen Martini erfahrungsgemäß viele Gedanken durch den Kopf, teilweise spult sich auch sein Residentenleben in Bruchteilen von Sekunden vor seinen Augen ab. Immer wieder vorkommend auch der Blitzgedanke an seinen Bruder, der vielleicht nach einem Aufprall in Kurve zwei ohne die tägliche Dosis Nachrichten von Martini in schwere Depressionen verfallen würde. Heute passierte nichts dergleichen!
Nur ein Gedanke schoss Martini durch den Kopf!
„Alarm...nicht angeschnallt, nicht angeschnallt“.
Noch 0,4 Sekunden bis zum Aufprall. !
Gurt anlegen und verreißen des Lenkrades benötigen aus langen Studien max. 5 Sekunden. Martini versuchte sich im Kopfrechnen, (was Dank Hildegard, seiner Exschwägerin, die ihn als kleinen Jungen immer in der Toilette einsperrte, wenn er nicht schnell genug das richtige Rechenergebnis bei den Hausaufgaben ausspuckte), etwas gestört war.
Die Rechensimulation kam zum Ergebnis, das keine Zeit zum Anschnallen blieb!
Noch 0,3 Sekunden bis zum Aufprall... Martini versuchte sich nun an der Berechnung des Bußgeldes für „Fahren ohne Gurt.
Exaktes Ergebnis: 65 Euro, das Gehalt von zwei Tagen harter Rezeptionsarbeit!
Noch 0,2 Sekunden bis zum Aufprall. !
In Sekunde 0,1 vor dem Aufprall durchbrach Martini die Reaktionsblockade und verriss wie immer das Lenkrad nach Rechts. Abweichend von der Ideallinie, rumpelte er über die unbefestigte Streckenlinie (Danke, Straßenmeisterei der Stadt Rethymnon, das ihr gerade letzte Woche an dieser Stelle eine Asphaltdeckenausbesserung vorgenommen habt)
Das blutunterlaufene Innenauge des Polizeifahrers wurde wieder mit Sauerstoff versorgt, als er merkte das Martini dessen blauweiße Kasperbude unbeschädigt lassen würde.
Aufprall verhindert..., „nun dreht der Polizist bestimmt um, um sich mein Gehalt anzueignen“, dachte Martini gerade, als ihm ein Zweites Polizeiauto mit Blaulicht entgegen kam, und ein Drittes...., und ein Viertes...!
Was war hier los? Hatte Costa mit seinem Dynamit, das er für das Fischen brauchte, das Dorf in die Luft gejagt? Wawara drehte sich in Richtung Maroulas um, aber es war keine Staubwolke zu sehen!
Dann kam hinter dem letzten Polizeifahrzeug ein grüner Reisbus der Fährlinie Anek mit schwarzgetönten Scheiben. Dahinter ein weiteres Polizeiauto mit Blaulicht und dahinter in Stoßstangenentfernung zu allem Überfluss auch noch ein Fahrzeug der Kriminalpolizei Rethymnon mit aufgesetztem „Kojak-Blaulicht“.
„Mein Gott, Wawara, was passiert hier?“ waren Martinis erste Worte nach einer Reihe von Ausweichmanövern mit etlichen „Lebensabrissfilmen“. Bus? Ein Großraumrettungsbus? Stand Martinis Dorf in Flammen? Wie oft hatte Martini Klempner Niko auf das Risiko bei der Lagerung von hochprozentigem Raki hingewiesen!
„Du musst umdrehen, es geht wieder los, Geschichten, wie sie nur in Maroulas spielen, wollen der Nachwelt erhalten werden“, fuhr Martinis rechte Gehirnseite ihn an. Die linke war schon Zeit seines Lebens realistischer und knurrte ihn an „Malaka, zu Kunooti! Der verspeist sonst die Krabben alleine!“ Linke Gehirnhälften und ältere Brüder haben meistens recht, und so beschloss Martini auf sie zu hören. Mit einem letzten wehmütigen Blick in den Rückspiegel, auf das hochrasende Kriminalpolizeiauto und die Gewissheit hier was ganz „großes“ zu verpassen, steuerte Martin sein Auto weiter in Richtung Pigi.
Während der etwas langsameren, schockgeprägten Fahrt dachte Martini schweigsam über die Vor- und Nachteile der Entscheidung seiner linken Gehirnhälfte nach. „Superfrühstück, kein Strafmandat wegen fehlenden Gurt, Krabben essen statt Unfalltod, eigentlich gute Rezeptorenentscheidungen“, dachte Martini.
Wawara versuchte währenddessen in den Besitz seines Anteils an der Portion Krabben zu kommen, in dem sie sagte: „ Du kannst mich ja bei Kunooti absetzen und danach wieder hoch nach Maroulas fahren, um zu erkunden was da los ist“. Und schleimend legte sie dann noch nach: „Vielleicht gibt es das ja eine gute Story für deine Maroulasseite“
„Weiber, hinterhältiges und verschlagenes Pack“ dache Martini und steuerte weiter in Richtung Pigi.
Dort angekommen, wurde mit Kunooti über das eben Erlebte diskutiert und alle möglichen Szenarien durchgespielt. Immer wieder ging dabei der Blick hoch zu unserem Bergdorf. Die Augen tasteten den Himmel nach Spuren von Rauchwolken oder wiedereintretende Trümmerteile aus der Atmosphäre ab. Warwara, die hinterhältigste Lebensgefährtin der Welt, suchte derweilen im Kühlschrank nach Spuren von Krabben und Spargel.
Mittlerweile war die Nachricht von Krabben und Spargel auch zu Anna, unser Nachbarin in Maroulas durchgedrungen. Anna, die Gute Seele des Dorfes, wurde von Hunger getrieben, seit dem Ihr Ehemann Jordanis für drei Wochen Berufsbedingt im Ausland weilte. Wegen nicht überragender Kochkenntnisse hatte sie das Kochen während dieser Zeit auf ein Minimum verringert. Dazu muss ich vertiefend anmerken, das Jordanis im Ehealltag meistens die Aufgabe des Kochen übernimmt, wobei oft die eigenartigsten Kreationen entstehen. Angesichts dieser Kochkünste von Jordanis haben sich die „Kocharme“ bei Anna langsam zurück gebildet.
Any Way, Anna schlug also ebenfalls bei Kunooti auf und kroch mit Wawara in dessen Kühlschrank auf der Suche nach Krabben und Spargel herum, dabei aber auch nicht den reich gefüllten Bierinhalt des Kühlschrankes außer acht lassend.
Mit dem Mund voller Spargelstangen erschien Anna dann am Terrassentisch, wo Martini sie sofort löcherte, was denn in Maroulas los wäre!
„In Maroulas? Nichts! Wieso?“ ,antwortete Anna Spargel kauend.
Martini klärte sie auf, über das gerade erlebte und sagte „ Aber Du kommst doch gerade von dort oben! Sind Dir nicht die vielen Polizeiautos und der Bus von Anek aufgefallen, die ja schließlich am Dorfplatz stehen dürften?“. „Ochi, nichts gesehen, wart ihr unter Drogen?“ fragte Anna.
„Sehr eigenartig“, schmiss Martini in die entbrannte Ursachenforschung. „Na ja, wir wohnen ja in Maroulas und sicherlich werden die Dorftrommeln uns schon heute abend über dieses Mysterium unterrichten“, grunzte Anna zwischen einer Spargelstange und einem prallgefüllten Löffel frischer Krabben.
So sollte es kommen!
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