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Martini saß an einem lauen Sommerabend auf seiner Terrasse und überlegte, wo der besondere Reiz lag, der ihn so mit Kreta verband. Dabei fiel ihm ein Tag des Jahres 1997 ein. Aber der Reihe nach: Der erste Aufenthalt auf Kreta mit der "Besten Lebensgefährtin der Welt" war angesagt. Als Martini im Bus das erste mal über die enge Brücke im Vorort von Rethymnon fuhr, an der immer nur ein Auto zur Zeit durch passte, (was Generationen von Automechanikern schon reich gemacht hatte) meinte er zu seiner neuen "besten Lebensgefährtin der Welt": "Wieso sind die mit den Brückenarbeiten für die neue, breitere Brücke bloß noch nicht fertig?. Seit April sind die in Gange und jetzt haben wir Oktober! Mann, wenn jetzt der erste Herbstregen kommt, wird die Behelfsstraße, die unterhalb der Brücke durch das Flussbett führt, mitsamt den Baumaterialien in den Wassermassen versinken." "Du immer mit deinen pessimistische Vorahnungen", meinte die "Beste Lebensgefährtin der Welt". Angekommen im Bergdorf, legten Sie sich nach dem allgemeinen Hausreinigungsritual völlig erschöpft ins Bett und freuten sich auf den ersten sonnigen Morgen im sonnigen Kreta. Martini wachte morgens nach einer schlaflosen Nacht auf. Neben ihm lag die "beste Lebensgefährtin der Welt" und murmelte etwas wie: "Nein, nein, verjag die Skorpione aus unserm Schlafzimmer". Was sollte ihm das sagen? Er stand auf, blickte aus dem Fenster und sah die schwarzen Wolken am sonst so blauen Himmel. In der Nacht hatte in den Bergen ein unheimliches Gewitter getobt, aber so langsam klarte es auf. Na ja, was soll's, erst mal eine schönen Kaffee und dann mit der "besten Lebensgefährtin der Welt" zum Shopping in die Stadt.
Doch da war es wieder: das "Kretasyndrom"!
Warum brauchen die Kaffeemaschinen eigentlich so lange, bis zum herrlich erfrischenden Kaffee? Aha, die "Ich-bin-in-Betrieb-Kontrollleuchte" verweigerte den Dienst, das hieß also, alle Sicherungen im Sicherungskasten prüfen! Der Skorpion im Rahmen des Sicherungskasten war mindestens 2 cm lang und Martinis Lebensgefährtin konnte vom Schlafzimmer aus einen herrlichen sportlichen Doppelachser erleben. Martini dachte bei sich, “Erzähl bloß nichts von dem Viech, sonst wird die beste Lebensgefährtin niemals die Waschmaschine in Betrieb nehmen, die in diesem Raum steht”. Die Sicherungen waren alle in Ordnung, Martini hatte keinen Schimmer, was da los sein könnte! Also, erst mal duschen, denn die Solaranlage bringt das heiße Wasser auch ohne Strom an den Körper. Noch eingeschäumt trocknete Martini sich ab, mit der neuen Erkenntnis, das heißes Wasser die heiße Sonne an den Solarzellen auf dem Dach voraussetzt. Während eines Gewitters scheint auch auf Kreta die Sonne eher selten. “Egal”, dachte Martini, Kaffe kann man auch mit einer Gaskartusche kochen. Das das Zischen des Gaskochers nach 2 Minuten verklang und das Wasser bis zum Kochen noch ungefähr 60 Grad benötigte, überspielte Martini geschickt mit der Bemerkung: "Liebling, habe ich dir eigentlich schon erzähl, wie gut der Kaffee in Christos' Taverne schmeckt? Ich lad Dich heute zum Frühstück ein, ist das nicht eine tolle Idee?"
Also, auf geht's und hinunter in den Vorort. Aber warum passte der Schlüssel nicht in dieses verdammte Türschloss? Nun gut, der Wagen stand jetzt schon 5 Monate auf dem Dorfplatz, aber konnten deshalb Türschlösser zuwachsen? Mit einem Grinsen öffnete Georgis, der gerade vorbei kam, sein Taschenmesser und beförderte aus den Türschlössern mindestens eine Schachtel Streichhölzer! Martini liebte die Kinder des Dorfes wieder ein großes Stück mehr! Aber insgeheim freute Martini sich darüber, das es Kinder gibt, die nicht nur den ganzen Tag vor dem Fernseher saßen. Also, rein ins Auto. Hurra, es sprang an, obwohl er in diesen Winter die Batterie nicht ausgebaut hatte. Runter ging es die abschüssige Bergstraße. Über die Straße schoss immer noch eine Flut aus Matsch und diverse Plastiktüten suchten sich ihren Weg zurück zum Supermarkt.
"Lass uns doch zuerst mal am Strand die Riesenwellen anschauen. Bei dem Sturm heute Nacht muss es bestimmt eine Mordsbrandung geben" meinte Martini. Etwa 100 m vor dem Strandparkplatz begann Rudolph (Martinis Auto) plötzlich zu stottern an und rollte dann stumm an die Mörderbrandung heran. Leicht genervt schritt Martini um den Wagen herum und verwünschte den Tag, an dem er sich entschlossen hatte, ein eigenes Auto auf die Insel zu bringen. Er öffnete die Motorhaube und staunte über soviel Technik. Fachmännisch fiel sein Blick auf den kleinen Benzinfilter, “Benutzten die eigentlich neuerdings Sand als Filtermittel”, irrte ein schaumiger kaffeeloser Gedanke durch seinen Kopf? Benzinfilter, Sand, Schlauchleitung, Tankdeckel? Die Streichhölzer aus dem Tankschloss entfernte er im Handumdrehen, man ist ja lernfähig! Als er den Tankdeckel abschraubte, irritierte ihn der Sand am inneren Gewindestutzen. “Scheiß Gören, die haben uns Sand in den Tank gefüllt”, entfuhr es ihm wutschnaubend! Dann: Gehirnwiderspruch! Hatten Kinder den Tankdeckelschlüssel? Nicht dass Martini wusste! Seine Hand griff in den Kotflügel und fuhr am Tankstutzen entlang, bis seine Finger wahrnahmen, das dort ein Loch von etwa 5x5 cm klaffte. Tja, der Rost rostete hier auf Kreta eben auch etwas schneller. Schnell wurde ihm klar, das der Matsch von der Bergfahrt durch den Reifen in das Tankrohr geschleudert worden war. “Wieviel Sand fasst wohl so ein Tank”, sinnierte Martini und schaffte es, dass der Tankdeckel viermal auf der Wasseroberfläche aufditschte, bevor er versank.
Einer seiner Lieblingsausdrücke war "Improvisieren", also joggte er zu Tankstelle und erwarb einen 5m dünnen Gummischlauch und einen neuen Benzinfilter vom Tankwart, der frischgeduscht gerade seinen dampfenden griechischen Kaffee trank. Des Tankwarts Frage, warum Martini so schmierige Finger hatte und seine Hose total schlammig war, konterte dieser mit einem lässigen "Kalinichta, ola kala".
Der Schlauch war schnell installiert und die beste Lebensgefährtin der Welt hatte einen 5 Liter Kanister zwischen den Füßen im Beifahrerfußraum. Martini saugte unter freundlichen Zuspruch der “Besten Beifahrerin der Welt das Benzin im Schlauch an und übergab sich Dank leeren Magens nicht in den Motorraum. Aber der Geschmack im Mund erinnerte ihn an sein Versprechen: "Kaffee trinken in aller Ruhe" und eine innere Unruhe überfiel ihn!
Zwei Stunden später sprang der Motor anstandslos an und Martini warf seiner Beifahrerin ein triumphierendes Lächeln zu: "Na also, es geht doch!".Nach 5 km war der Reservekanister leer. Die beste Beifahrerin errechnete freundlich einen durchschnittlichen Verbrauch von 100 Litern auf 100 Kilometer. Also stellten sie das Auto ab und rannten im mittlerweile strömenden Regen zur Bushaltestelle. Zeus sei Dank, war diese nur 5 km entfernt vom Ausgangsplatz. Komischerweise kam der Bus sofort, was eigentlich nie etwas Gutes bedeuten konnte, aber die Lage entspannte sich zunehmend. Martini entschloss sich spontan, seiner leicht genervten Lebensgefährtin einen Shoppingbummel in der Arkadiou zukommen zu lassen.
2 Stunden später stand Martini völlig genervt und ohne Kaffee (dafür aber mit einem Dutzend Tüten) an der Bushaltestelle und wartete auf den Bus, der diesmal nicht sofort kam und auch später nicht. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens erkannte Martini recht schnell und zügig, das die vermeintliche Bushaltestelle nur für den Schulbus galt. Dieser verkehrte nur bis zum Schulschluss um 13.00, was durchaus logisch erschien. Den Taxifahrer, den Martini mit einem Sprung auf die Straße stoppen wollte, schaffte es elegant auszuweichen. Gleichzeitig gelang es ihm aber, die ungefähr 50 cm tiefe Pfütze zu durchfahren, die sich als Flutwelle über den Bürgersteig wälzte. Nun gut, es hätte schlimmer kommen können, dachte Martini als er mit seiner “Nassesten Lebensgefährtin der Welt” nach 50 Minuten Fußmarsch die Taverne von Christos in Platanes erreichte.
Endlich, ein Kaffee würde den Tag retten und wer sagt eigentlich, das man Kaffee immer nur morgens zum Frühstück braucht? Im übrigen war es bis jetzt doch nicht mehr, als ein überdurchschnittlicher Katastrophentag gewesen, befanden die beiden.
Die Sonne schob sich für 10 Minuten hinter den Wolken heraus und die Pfützen von ihren triefenden Klamotten bahnten sich Ihren Weg in Richtung Tavernenausgang.
Nach so vielen Erlebnissen überlegt Martini als "Profipessimist" gerne, was wohl als nächstes passieren könnte. Dabei fielen ihm die Brückenbauarbeiten ein, die er gestern bei der Anreise böswillig kommentiert hatte. Er überlegte und kam zu dem Schluss, das nun irgendwann im ausgetrocknete Flussbett das Wasser vom Gewitter der Nacht eintreffen müsste. Aus Erfahrung wusste er nämlich, daß das etwa 5-6 Stunden dauerte, da sich das Wasser erst aus den Gebirge seinen Weg suchen musste.
"Hase, lass uns doch mal die 300m zur Brücke laufen, vielleicht ist da schon was los”, rief Martini und war eigentlich schon losgelaufen. Er ahnte, mit Schaum vor dem Mund, sensationsgeifernd die nahende Katastrophe. Eine erfahrene alte Griechin, die neben ihm im Bademantel, zum Ort des vermutlichen Geschehens eilte, ging es wohl ähnlich. Und Martinis düsterste Phantasien wurden Dank “Kretasyndrom” wieder einmal bei weiten übertroffen! Die Behelfsasphaltstraße, die durch das Flussbett führte, da die Brücke ja verbreitert werden sollte, war mittlerweile von der Flutwelle erreicht und völlig weggerissen. Panisch standen drei kretische Bauarbeiter bis zum Bauch im Wasser und versuchten unter Mithilfe eines Baggers, Holzbalken, die auf Paletten lagerten, aus dem Wasser zu retten. Johlend freute sich die mittlerweile stark angeschwollene Menge der Schaulustigen über jede Palette, die in Richtung offenes Meer davon trieb. In der roten Brühe trieb gerade ein Schaf mit ungläubigem Blick vorbei, als ein Raunen durch die Menge ging. Irritiert drehte sich Martini um und sah gerade noch den alten Stelios, der wild fuchtelnd hinter einem jungen Albaner herlief, der gerade sein Moped gestohlen hatte und versuchte davon zu brausen. Martini geriet in Panik, wohin sollte er denn nun schauen, - welche Katastrophe brachte ihm die größte Befriedigung? Er war wie im Rausch, ja, da war er, der ultimative Katastrophentag! Der Bagger drohte gerade in die Fluten gerissen zu werden und ein völlig verwirrter Autofahrer, der unbedingt die versunkene Straße befahren wollte, war ebenso spannend wie Stelios Erfolgreiche Überwältigung des Albaners.
Martini war sich sicher, dieser Tag sei nicht mehr zu topen und genoss es, dass sich die Katastrophen nicht mehr alleine gegen ihn und die "beste völlig aufgelöste Lebensgefährtin der Welt" richteten.
Fortsetzung nächste Seite!
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