Am 24.06.2007 durfte ich ja die Eiablage
der Karettschildkröte beobachten. Bei einer Brutzeit von ca. 55 Tagen müssten die Kleinen um den 16.8.07 Schlüpfen. Seit Wochen war ich gedanklich bei den Brutplätzen. Was, wenn ich zu spät komme? Wenn die kleinen früher schlüpfen? Müsste ich in dem Zeitraum nicht jede Nacht dort verbringen? Ich habe ja versprochen, meinen Bericht fortzuführen. Wäre ja peinlich, wenn ich zu spät komme. Also keimte in mir der Gedanke herauf, doch schon mal früher zum Brutstrand zu fahren um eventuell früher abgelegte Nester beim Schlüpfen zu beobachten.
Aber zwischen Vorsatz und Umsetzung liegen bei mir Welten! Nach der Arbeit im Hotel noch mal nach Hause und umziehen? Dann den ganzen Weg zurück und sich die Nacht um die Ohren schlagen? Aber auch andere sind da etwas träge, wie z.b. unsere Deutsche Freundin aus dem Nachbardorf! Als ich Barbara im Juli von der Eiablage erzählte war sie total begeistert und wollte im August beim Schlüpfen dabei sein, unbedingt!
Gestern morgen, an meine freien Tag, sollte es nun passieren! Ich rief Barbara an und wir verabredeten uns für diese Nacht um 22:00 zum Strandgang. Wir wollten allerdings vorher noch mal telefonieren. Um 21:00 rief ich sie dann an und wollte wissen, wann es losgehen sollte. Schon an ihrer Stimme merkte ich, das sie schwächelte! Der Baustress setzt ihr doch sehr zu. Nun gut, dann musst du halt alleine los, dachte ich, und legte mich aufs Bett. Dann schlich sich der innere Schweinehund zu mir unter die Decke und flüsterte: Was willst Du denn da draußen? Das Bett ist weich, das Fernsehprogramm ist gut, du bist doch müde!
Ich wollte ihm gerade nachgeben, als mein Bruder anrief und mich aufbaute! Mach es, geh los, sei spontan! Er hatte ja Recht! Also, erst mal alte Klamotten an. Dann das Glas meiner kleinen Taschenlampe mit Klebeband bearbeiten, das aus einem Schlitz nur noch ein enger Lichtschein in die Dunkelheit dringt. (Wie bei meinen Übungen bei der Bundeswehr! Sollte ich auch noch mein Gesicht schwärzen?). Nun noch die Cam einpacken und den langen, langen Weg zum Auto beschreiten.
Gegen 22:00 war ich dann am Strand. Was für ein Wind! Hohe Wellen hämmerten an den Strand bei Stavromanus. Der Tag war bestimmt schlecht fürs Schlüpfen. Wäre ich ein Schildkrötenbaby, bliebe ich in meinem warmen Nest.
Ich wanderte zuerst mal die Nester ab, die ich bereits im Juni vorgefunden hatte und stellte erstaunt fest, das noch viele dazugekommen waren.
Das letzte sogar noch am 27.7.07, allerdings hatten meine jungen Freunde von Archelon nun damit begonnen, mit den zurückgelassenen Strohmatten der Urlauber Gassen vom Nest bis runter zum Meer zu bauen. Es musste wohl bei den ersten Babys so weit sein! Vom starken Sturm waren die Strandmatten umgeweht und die kleinen Schildkröten hatten die Chance in die verkehrte Richtung zu krabbeln. Aus mir unbekannten Gründen laufen die Babys nämlich in die Richtung einer Lichtquelle. Vielleicht hat es was mir dem Mond zu tun, aber der steht ja in südlicher Richtung, also nicht über dem Meer. Oberhalb des Strandes hatte ein Kindergarten einen riesigen Strahler auf Ihren Parkplatz gerichtet, der leider auch den ganzen Strand erhellte. Also, viele Möglichkeiten sich zu verlaufen! Aber was soll eine Schildkröte in einem Kindergarten?
Ich lief die einzelnen Strohmattengänge ab und richtete umgewehte Matten wieder auf und dichtete Durchschlüpflöcher mit Sand ab. Bei einigen verlängerte ich die Wegführung bis direkt ans Wasser.
Immer wieder ließ ich meinen Blick schweifen, aber nirgends was von einer Babyschildkröte zu sehen. Schon etwas traurig wanderte ich ein zweites und drittes Mal die Nester ab. Dann schaute ich mir bei allen Nestern die Neststeine an. Das sind einfache große Steine, auf denen Archelon das Datum der Eiablage vermerkte und dazu eine Registrierungsnummer. Dann fand ich ein Nest, auf dem in Rot ein zweites Datum stand: 05.08.07. Das war ja gestern! Das Eiablagedatum war der 10.6.07, also weit vor meinem Eiablageerlebnis am 24.Juni. Dann kam mir die Idee! Wenn ich ein Nest finde, das am 11.06.07 gelegt worden ist, müsste dort die Chance des Schlüpfens am größten sein. Also, wieder alle Nester abklappern und auf den Steinen das Ablagedatum suchen.
Plötzlich entdeckte ich in 50m Entfernung
eine Katze, die dort um ein Nest herumschlich. Ein Steinwurf überzeugte sie von meiner Meinung, nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Als ich mir den Neststein anschaute, stand dort tatsächlich das magische Datum 11.06.07! Über dem Nest war der Schutzkorb, von Schildkrötenbabys aber nichts zu sehen! Katzenspuren waren rund ums Nest, aber die Katze hatte anscheinend nicht gegraben. Konnten Katzen auch Datumsangaben lesen, oder warum schlich sie gerade um dieses Nest?
Ich setzte mich also neben den Strohmattengang und beobachtete mit der abgedunkelten Taschenlampe den Sand unter dem Schutzkorb. Nichts passierte! Eine geschlagene Stunde saß ich nun dort und der Wind haute mir den feinen Sand um die Ohren. Die Katze saß oberhalb von mir und wartete darauf, dass ich endlich abzog.
Dann legte ich meine Hand auf den Sand über das
Nest und erschrak mich fürchterlich. Irgendetwas bewegte sich unter dem Sand! Sollte ich wirklich am ersten Abend das unheimliche Glück haben? Ich wurde unheimlich aufgeregt! Es vergingen noch 5 Minuten, dann schaute etwas aus dem Sand, das wie ein großer Katzenködel aussah. Es verharrte einen Augenblick und dann begann das große Gewühl und der Rest des Körpers schaufelte sich mit den kleinen Paddeln an die Oberfläche. Das Glücksgefühl pochte mir bis zum Hals! In dem Moment eine Sternschnuppe am Himmel. Wie im Film!
Danke mein Bruder, dass Du mich aus dem Bett getrieben hast! Du hast es mal wieder erahnt, das mich was besonderes erwartet!
Kaum war das kleine Wesen aus dem Sand, erklomm es
mutig den Rand des Schutzkorbes. Als wenn ein Programm ablief, wollte sie so schnell wie möglich ins Wasser. Aber das Licht des Kindergartens verwirrte das Programm der kleinen Caretta. Es wollte in Richtung des Scheinwerfers! Am Rand der Strohmatte war aber Schluss. Ich dachte mir: „Warum imitierst du eigentlich nicht den Mond und lockst sie mit dem abgedunkelten Lichtschein deiner Taschenlampe in Richtung Wasser?“Und tatsächlich! Wie von einem Magneten angezogen, wechselte sie Ihre Richtung und folgte mir in Richtung Meer. Nach nur 5 Minuten hatte sie eine Entfernung von 25 Metern zurückgelegt und wurde von der ersten Welle ins Wasser gerissen!
Viel Glück, kleine Schildkröte!
Ich ging zurück zum Nest und schon wieder bewegte sich etwas unter dem Sand. Diesmal ließ ich allerdings meine Videokamera mitlaufen und versuchte im schwachen Licht der Lampe das Geschehen aufzunehmen, was mir leidlich gelungen ist. Innerhalb von nur einer Minute gruben sich fünf winzige Gesellen aus dem Sand und schienen zu fragen: „Wo geht’s den hier am schnellsten zum Meer?
Wieder zog es sie i
n Richtung des Kindergartenscheinwerfers. Gut das es die Strohmattenwand gab! Nun etwas geübter, ging ich voran und geleitete sie zum Wasser, sehr zum Leidwesen der immer noch lauernden Katze. Erstaunlich, wie die kleinen Gesellen auf diesem Weg sogar größere Steinchen überkletterten. Die Spuren die sie dabei hinterließen erinnerten an einen Reißverschluss aus Sand. An Hand dieser Spuren wird von Archelon auch beurteilt, ob ein Nest geschlüpft ist und wie viele sich auf den Weg machten. Total glücklich beobachtete ich, wie der Winzling ohne Schaden ins Meer tauchte. Ich kam mir wie ein Geburtshelfer vor!
Eigentlich habe ich nichts gegen Katzen, habe doch selber zwei, aber diese dort oben immer noch wartende ging mir ganz gehörig auf den Nerv und ich trieb sie durch die halbe Hotelanlage. Jedenfalls in dieser Nacht würde sie keine Beute am Strand machen. Ich wartete dann noch über eine Stunde, ob noch weitere an die Oberfläche kommen, aber Fehlanzeige! Total müde, aber unendlich erfüllt fiel ich gegen 3:00 ins Bett und schlief bis 12:00. Ich glaube, morgen werde ich mit den Jungs von Archelon erneut am Strand sein.
Nachsatz:
Gestern erzählte mir Fritz, der Strandwächter vom Katrin-Beach, das ihn Kinder darauf aufmerksam gemacht hatten, das am helllichten Tage im Pool Babyschildkröten schwimmen. Sie waren in der Nacht von den Hotelscheinwerfern angelockt worden und in die falsche Richtung gelaufen. Fritz gelang es, sie erneut am Strand abzusetzen. Gott sei Dank war es ein Meerwasserpool, denn Chlor hätte die Einzelkämpfer wohl nicht überstanden.
Ein Video zum Schlüpfen der Karettschildkröten können Sie hier sehen!