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Noch bis vor wenigen Jahren war das Dorf Maroulas den meisten Kretabesuchern kaum bekannt. Es lag vom Tourismus wenig beachtet, auf seinem Hügel oberhalb von Adele, 300m über dem Kretischen Meer und dachte über seine weit reichende Geschichte nach. Denn die Entdeckung gewölbter Grabkammern lässt darauf schließen, dass die Wurzeln der Siedlung minoischen Ursprungs sind. Mehr Hinweise liegen über die venezianische Zeit des Dorfes vor, basierend auf das Buch “der Kretische Krieg” von Marinos Tzane Bounialis. In der Zeit der türkischen Besatzung wurde Maroulas wegen seiner strategischen Lage und seines Bodenreichtums von den Besatzern als Landsitz bevorzugt. Noch heute findet man hier viele gut erhaltene Landhäuser und vor allem den berühmten Verteidigungsturm, auch Zollturm genannt. Etwas außerhalb des Südeinganges des Dorfes steht immer noch, der leider arg renovierungsbedürftige Landsitz des Türkischen Befehlshabers, auch Pascha genannt.
Wenn man im Verzeichnis der kretischen Gemeinden unter dem Namen “Maroulas” nachschlägt, liest man folgenden Eintrag:
“Dorf und Gemeinde der Provinz Rethymno, 184 Einwohner liegt 7km außerhalb der Stadt Rethymno.” Das war es dann aber auch! Wir wollen uns deshalb näher mit allen bekannten Einzelheiten über Maroulas beschäftigen.
Maroulas wurde zum ersten mal im Jahr 1577 von Barozzi unter dem Namen Marula erwähnt. Danach gibt es eine Eintragung aus dem Jahr 1583 vom Turmwächter, der 298 Einwohner verzeichnete und 357 geschuldete Arbeitsdienste! Die nächste Jahreszahl ist 1630, eine Erwähnung von Basilicata unter dem Dorfnamen Marula. 1834 bei der ägyptischen Volkszählung gab es in Marula 65 christliche und 5 türkische Familien, während im Jahr 1881 120 Christen, jedoch 236 Türken gezählt wurden. Maroulas wurde bei dem Aufstand von 1897 von den Christen gestürmt und eingenommen. Nach der kleinasiatischen Katastrophe fanden hier später ungefähr 100 Familien aus Ionien eine neue Heimat. Ab 1900 fällt die Differenzierung zwischen Christen und Türken weg, und man findet nur noch die Einwohnerzahl.
Aus diesen an sich ziemlich trockenen Sätzen der Literatur, lassen sich einige recht interessante Schlüsse ziehen. Die Siedlung ist auf jeden Fall venezianischen Ursprungs, denn die erste Erwähnung von Barozzi fällt eindeutig in jene Epoche - außerdem kann sich der interessierte Besucher bei einem Spaziergang vor Ort, durch Augenschein, davon überzeugen. Die Erwähnung des Turmwächters deutet auf die Existenz eines Turmes oder Burg hin - auch das ist richtig. Der Zollturm von Maroulas ist zwar nicht in allerbesten Zustand, aber wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, sollen demnächst weitere Gelder für seine Restaurierung bereitgestellt werden. Was die geschuldeten Arbeitsdienste angeht, so lässt sich mit Sicherheit sagen, das die Beziehungen zwischen den venezianischen Machthabern und den Dorfbewohnern leicht gespannt war. Es ist auffallend, das die türkische Einwohnerschaft ab Mitte des letzten Jahrhunderts schlagartig anstieg, während die christliche Bevölkerung drastisch abnahm. Hierzu gibt es einen kleinen Nachtrag im Gemeinderegister:
Während der Türkenherrschaft war Maroulas die Hochburg der blutrünstigen Türken von Rethymno, die mordend durch die Provinz zogen und die Dörfer verwüsteten.
Auffallend ist ebenfalls, dass sich der Dorfname, wie das sonst bei vielen Ortschaften der Fall ist, anscheinend über all die Jahre nicht geändert hat. Hinsichtlich seiner Herkunft, gab es lange Jahre die Vermutung, dass der Name sich daraus ergab, weil die Gegend berühmt für ihren Salat war (Marouli=Römersalat). Ein Zeitungsartikel aus dem Jahre 1981, den der Übersetzer Frank Althaus durch Zufall entdeckte, brachte hier neue Erkenntnisse. Das Dorf soll ursprünglich Amygdalea geheißen haben und wurde irgendwann einmal im Lauf der Jahrhunderte durch Überschwemmungen oder ein Erdbeben völlig zerstört. Die erste Person, die sich danach wieder hier niederließ, war der Sage nach eine Frau namens “Maroulio” (=Verniedlichung von Maria). Soviel zur Geschichte des Dorfnamens.
In den achziger Jahren litt Maroulas stark unter der damals einsetzenden Landflucht. Die jungen Menschen verließen das Dorf, um ihr Glück in der Stadt zu versuchen, und zurück blieben nur die Alten. Inzwischen hat sich das Bild geändert. Viele der alten Gebäude wurden mittlerweile renoviert. Ausschlaggebend war der Zuzug einiger Deutscher, Engländer und wohlhabender Festlandgriechen, die mit großem Mut und einem beträchtlichen Aufwand an Bürokratie und finanziellen Mitteln das Blatt wendeten. Wenn das Wort Bürokratie hier erwähnt wird, sollte man wissen, das Maroulas baurechtlich der Archäologischen Ausgrabungsbehörde untersteht. Somit darf kein Handschlag ohne ihre Einwilligung geschehen. Aber die Pioniere ließen sich nicht entmutigen, und mittlerweile haben auch die alten Dorfbewohner erkannt, das es sinnvoll ist, Zeit und Geld in den Wiederaufbau zu stecken. Überrascht kann man feststellen, das es nun die jungen wieder ins Dorf zieht und auch Kinderlärm erschallt wieder in den Gassen. Der Besucher findet mittlerweile Tavernen, wo er bei gutem Essen den Blick auf das im Hintergrund liegende Meer genießen kann, und es ist auch für Diejenigen vorgesorgt, die dort übernachten wollen. Der alte Dorfkern von Maroulas sieht heute noch genau aus wie vor 400 Jahren: enge, verwinkelte Gässchen mit dicht aneinander gebauten Häusern im venezianischen Stil. Trotz der erwähnten Modernisierungen wurde aber das Gesamtbild kaum beeinflussen. Wenn man durch die engen Gässchen spaziert, hat man das Gefühl, ins Mittelalter zurückversetzt zu sein. Falls jemals jemand daran denken sollte, einen Film über Kreta im 17 Jahrhundert zu drehen, fände er hier die geeignete Kulisse für solch en Vorhaben. Ein nachdenkliches Wort noch zum Abschluss. Man hat den Eindruck, als ob sich die Dorfbewohner nicht schlüssig sind, ob sie sich am Tourismus beteiligen sollen oder nicht. Vermutlich haben haben sie die richtige Wahl getroffen, indem sie sagten: O.k. wir machen mit, aber ihr müsst uns so nehmen, wie wir sind.
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