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Petri Heil, der „Betonfisch“ war an der Angel und Stili holte die Sehne ein. „Jordannis, bring doch ruhig mal Deine Familie mit vorbei, morgen gibt es Kokoretsi am Spieß!“
Stili zeigte in die Auffahrt und sagte fast beiläufig „Heute kannste Deine Reinigung ja dort vorne in der linken Seite machen“. „Stört es dich nicht? Ich habe noch fast 1 Kubikmeter in der Trommel? „Ach was, dann kommt Ihr doch viel besser durch den Matsch und eure Laster bleiben sauber“ Erfreut bezahlte der Fahrer sein Essen und reinigte in der zukünftigen Hauseinfahrt seinen Mischer! Stili rieb sich die Hände und gab Sophia einen Klaps auf den Hintern.
2 Stunden später bog der Fahrer wieder auf das Baugrundstück, diesmal gefolgt von dem Laster seines Kollegen Mathios, den Jordannis mittels CB-Funk über das gegrillte Lammfleisch informiert hatte.
Am nächsten Morgen stand Stili etwas früher auf und warb am Dorfplatz von Adele zwei Albaner an, Fachleute auf dem Gebiet Verschalungs- und Armierungsarbeiten. Sophia hatte die ganze Nacht Lammdärme gewaschen und die Kokoretsi-Spieße vorbereitet. Als Stili um 10:00 auf den Platz kam, saßen bereits vier Betonfahrer auf den Plastikstühlen und prosteten sich zu. Stili wies die Albaner in Ihre Arbeit ein und kümmerte sich um das leibliche Wohl seiner „Betonfische“.
Am Abend vermerkte Stili in seinem Notizbuch, das 8 Betonmischer 9,5 Kubikmeter Beton zur Fertigstellung seiner Baustellenauffahrt „entsorgt“ hatten. Außerdem lagen in der Kasse der Kantina 113,50€. Lief ja besser an, als er gedacht hatte. Am nächsten Tag pausierten bereits 6 Fahrer mit 18 „Reinigungstouren“ an der Kantina „Schlawiner“. Es sprach sich unter den Betonfahrern im Raum Rethymnon wie ein Lauffeuer rum, dass ein Bekloppter sein Grundstück zum Entsorgen freigegeben hätte und auch noch Gratis-Raki ausschenkte. Am Freitag zählte Stili bereits 15 Fahrer mit 45 „Reinigungstouren“ und der Keller seines Hochzeitsgeschenkes sah der Vollendung entgegen.
Stili reparierte sein Telefonkabel und prompt klingelte es. Am Telefon Rechtsanwalt Manolis Krazakis, „Wo warst du verdammt noch mal die letzten 14 Tage?“, dröhnte es aus dem Hörer. Manolis, ich war in Athen und habe mit meinem Architekten die Baupläne für das Haus entworfen“. „Was hast du?? Warum hast du nicht mein Freund Nikos Siligardos als Architekt genommen!!!!“. „Manolis, du weißt doch, Familienbande sind wichtiger als Freundschaften, der Architekt gehört zu meiner Familie und macht mir einen Superpreis! Nächsten Monat schickt er die fertigen Pläne und dann kann es bald losgehen“. „Wenn du meinst“, gurgelte Manolis und knallte den Hörer auf! Nun hatte Stili genügend Luft, um in Ruhe seinen Plan zu vollenden.
Die nächste Woche lief besser an, als die Vergangene. Die Albaner konnten in Ihren Verschalungsarbeiten kaum noch Schritt halten mit den Anlieferungen von rund 271 „Reinigungstouren“.
„Kleinvieh macht auch Mist“, war nun der Lieblingsspruch von Stili und er versprach den Albaner Verstärkung. In Nachtschichten wurde nun die Verschalung vorangetrieben. In der Kasse der Kantina befanden sich am Wochenende über 2000€, von diesen konnte Stili im Baustoffhandel die Rechnung für Armierungsstahl bezahlen.
An besten Tagen lenkten nun bis zu 100 Betonmischerfahrer ihre Fahrzeuge auf den Bauplatz und Stili bestellte zur Unterhaltung der Fahrer jeden Mittag zwischen 12:00 und 13:00 eine Tanzgruppe bestehend aus 5 jungen Russinnen in Betonfahrergerechten Kostümen. Mittlerweile empfahlen die Betonfahrer auf allen Baustellen im Kreis Retymnon Stilis Kantina an die Handwerker weiter. So kam es, das sich nun auch jeden Tag Handwerker und Zulieferer auf dem Baugrundstück von Stili tummelten. Der Satz“ Chef, ich muss noch mal in die Stadt und Material besorgen“, wurde zum Schlüssel für stressgeplagte, pausenbedürftige Handwerker.
Am Ende der zweiten Woche stand das komplette Betongerippe und die Kantina „Schlawiner“ war zum „In-Treff“ der gesamten Handwerkerschaft geworden. Stili hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Wohin bloß mit dem Beton? Der Rohbau war fertig, alle Auffahrten, Parkplätze, Wege und Terrassen geschüttet und jeden Tag drängten neue Laster auf den Bauplatz!
Gegen Mitternacht kam Stili die rettende Idee! Er kaufte das Grundstück neben seinem Bauplatz, 10.000qm für schlappe 35.000€. Der Besitzer sagte nach Unterschrift, „Wer will schon in einer Gegend bauen, wo alle Ihren Bauschutt abladen! Stili Dein Angebot kam mir gerade recht, von dem Geld bau ich mir ein kleines Haus, bauen ist ja heutzutage so teuer“.
Die Gedankenblase, „Wenn du wüsstest“, war so groß wie das Büro des Notars!
Stili beschäftigte nun die Betonfahrer damit, die 10.000qm komplett mit einer 10cm dicken Betonschicht abzudecken, denn in seinem Kopf wuchs ein neuer Plan. Zwei der vier Albaner waren auf seinem neuen Grundstück nur mit Betonglätten beschäftigt, die anderen beiden benötigte er für Dach und Ausbau. Aber vorher war da noch das Problem der Materialbeschaffung anzugehen. „Was hätte sein Vater in so einer Situation getan?“, sinnierte Stili und „Schlawiner“ schenkte ihm aus dem Himmel den nötigen Einfall.
Stili sprach in ein Megaphon zu den rund 200 Handwerkern und Fahrern. „ Liebe Freunde, ab Morgen müsst Ihr auf die Tanzgruppe verzichten, die Materialkosten für Dach und Innenausbau fressen mich auf. Ich muss Dachziegel und Holz bestellen und ihr wisst ja, wie teuer das Bauen ist!“ Ein enttäuschtes Raunen ging durch die Menge angesichts der traumhaft schönen Oberschenkel der Tänzerin Ludmilla.
Wenig später trat der Handwerkervertreter der Dachdeckervereinigung an Stilis Kantine-Tresen. „Weißt du Stili, wir hätten da eine Idee! Jeden Tag bringen wir auf unseren Pick-Ups übriggebliebene Dachpfannen zurück ins Lager, wo schon ein schlechtgelaunter Chef Anschisse verteilt, weil wir bei der Materialbestellung zu viel bestellt hätten. Wie wäre es, wenn wir dir unsere Überbestände herbringen, könntest du dann die Mädels.....“
„Aber das Holz ist do so teuer“ jammerte Stili mit herausgedrückten Tränen. Nun kam Petros ins Spiel, der Auslieferungsfahrer der „Rethymnon Holz KG“. Petros hatte sich unsterblich in die schöne Irina verliebt und sah nun seine Felle davon schwimmen. „Weißt du, Stili, ich könnte dir Holz für den Dachstuhl besorgen. Bei unseren Lieferanten bekomme ich immer eine „Annerkennungsprämie“ für Auftragsvermittlungen ausgezahlt, diese könnte ich diesen Monat unseren guten Sache spenden und mir in Form von Holz auszahlen lassen“. „Wenn du das machen könntest, würde einer Fortführung der „Tanzbarkeiten“ nichts mehr im Wege stehen“, antwortete Stili. Hinter seinem Rücken ruderte seine Hand indessen verzweifelt nach Irina, die sich wenig später auf dem Schoss von Petros wiegte.
In den nächsten Tagen brachten Pick-Ups ganze Wagenladungen von Dachpfannen und ein Sattelschlepper eine Fuhre mit bestem Fichtenholz für Dachstuhl und Veranden. So ging es in den nächsten zwei Wochen auf der Baustelle weiter. Es wurde „organisiert“, das sein Vater vor Stolz an Auferstehung dachte. Unvergesslich war das Richtfest in der vierten Woche, 500 Handwerker, Fahrer, Tänzer und deren Familien genossen das Feuerwerk, dass ein Vertreter der chinesischen Feuerwerksindustrie sponserte. Man wunderte sich lange Zeit später in der Stadtverwaltung, warum das chinesische Feuerwerk zum Paska-Fest dieses Jahr so klein ausfiel.
Die Kantina warf mittlerweile einen beachtlichen Gewinn ab und Wocheneinnahmen von über 10.000€ ermöglichten es Stili zwei Aushilfen einzustellen, da Sophia an Rande eines Nervenzusammenbruches stand.
In der fünften Woche klingelte abends um 22:00 wieder mal das Telefon. „Hier Manolis, was ist denn nun mit Deinen Bauplänen aus Athen?. Hat der Herr Schülerlotse etwa Probleme mit der Finanzierung des Bauprojektes“ hörte er die schmierige Stimme der Schmeißfliege frohlocken!
„Lieber Manolis, ganz im Gegenteil, die Erbschaft meiner Frau ist etwas größer ausgefallen und ich konnte eine „Sonderbautruppe“ der Olympischen Spiele für mich anheuern. Weißt du, die sind ja jetzt fast alle Arbeitslos und lungern in Piräus am Hafen rum. Gib mir noch etwas Zeit und so in vier Wochen lade ich dich zum Baubeginn ein!“. Schweigen und schlucken in der Leitung, „Wenn du meinst, Stili, ich bin für 5 Wochen Anwaltlich in Asien unterwegs, danach kannst du mich ja mal auf unsere Baustelle „lotsen“! „Sicherlich, kümmere du dich um Deine Anwaltlichen Pflichten, ich kümmere mich in der Zeit um das Wohl unser Enkelkinder und verkaufe Gemüse auf dem Markt, denn „Kleinvieh macht auch Mist“
Das klappt doch wie verrückt, hatte er doch wieder fünf Wochen Luft und der „Pusti“ würde ihm nicht ins Gehege kommen.
Schon nach zwei Wochen waren die Betonfahrer der Nordküste Kretas mit der Betonierung seines Grundstückes fertig und Stili zog sein As, äh, Bauplan für seine eigene Taverne aus dem Ärmel.
Hochzeitstaverne, mit wechselnden Tanzgruppen, Feuerwerk und Sophias Lammbraten, das war sein neuester Deal! Seine Tochter Anna mit Ehemann könnte diese führen, später die Enkelkinder. Stili spürte insgeheim ein Schulterklopfen seines Vaters. „Sohn, du bist der größte Schlawiner jenseits des Lefka Ori“, hörte er eine Stimme im Wind flüstern und wurde wie zur Bestätigung vom Klimpern der Kasse aus seinen Träumen gerissen.
Erdarbeiten, Betonarbeiten, alles lief im Bauprojekt II wie eingespielt nach bewährtem Muster ab. Nach zwei Wochen waren im Bauprojekt I dank Mithilfe der örtlicher Fensterbauangestellten in Zusammenarbeit mit der eigenen Tanzgruppe sämtliche Fenster und Türen eingebaut. Stili zog mit seiner Kantina auf das Nachbargrundstück um, konnte er doch auf 10.000qm „seinen“ Fahrern mehr Wendeplatz bieten.
Wie angekündigt, meldete sich das zukünftige Familienmitglied Manolis Krazakis pünktlich in der fünften Woche. „Hier Manolis, bin zurück aus Thailand, was macht dein Olympiastadion?“ Stili sein Herz schlug schneller und er spürte den Adrenalinstoß! „Ja Manolis, alter Rechtsverdreher, schön dich zu hören, kala ise? Was hältst du davon, wenn wir uns am Sonntag zum Abschreiten der Baustelle treffen?“, antwortete Stili. Wortkarg willigte Manolis ein und dachte insgeheim daran, dem Schülerlotsen am Sonntag mal das ABC der Großverdiener zu lehren.
Sonntag machte sich der Rechtsanwalt Manolis Krazakis mit seiner Familie auf den Weg zur Baustelle, glaubte er zumindest! Irgendwie konnte er nicht die Abfahrt zum Grundstück finden, überall versperrten neuerdings Leitplanken die Nebenstrecke. „Muss mal im Verkehrsausschuss anfragen, ob die noch alle beisammen haben“, dachte Manolis für sich.
„Irgendwie sieht hier auch alles anders aus, als vor meiner letzten Grundstücksbegehung vor 12 Wochen“, sagte er zu seiner Gattin. Schnellstraße rauf, Schnellstraße runter, dann sah er eine kleine, neue Auffahrt. Er bog ab und stand vor einem Neubau, den er nicht kannte, daneben ein großes Schild: Hier entsteht der Neubau der Taverne Schlawiner.
Was war hier los? Neben der Taverne war doch das Grundstück, das er seinem Sohn überschrieben hatte! Dann sah er Stili, der breit grinsend in der Auffahrt des Neubaues wartete. „Hallo Manolis, gut hergefunden?
„Stili, wessen Haus ist das?“ Stili holte zum finalen Vernichtungsstoß aus!
Manolis bekam einen Vortrag über Eilantrag und Beziehungen zum Minister für Bauwesen, über Olympische Bauarbeiter und deren Schnelligkeit um die Ohren. Als sie gemeinsam das Haus besichtigten wollten, litt der Herr Rechtsanwalt bereits unter Herzrhythmusstörungen. „Aber woher hast du denn das ganze Geld für diesen Prachtbau?“ röchelte Manolis!
„Na du weißt doch, Erbschaft! War doch höher als angenommen! Ging eine Menge Geld rein in das Haus meines zukünftigen Schwiegersohnes und der Rest...“
„Der Rest?“, stöhnte Manolis. „Ja weißt du, für den bescheidenen Rest bau ich für meine Tochter eine Taverne!“
Im Krankenwagen hörte Manolis etwas vom Herzkammerflimmern und lebensbedrohlich, bevor er erneut in Ohnmacht fiel.
Seit letztem Monat läuft die Taverne seiner Tochter auf vollen Touren. In ganzen Busladungen werden Hochzeitsgesellschaften herangekarrt. Besonders beliebt ist bei den männlichen Gästen die 20 Personen starke Tanzgruppe aus Weißrussland. Die erste Hochzeitsgesellschaft gehörte übrigens zu Petros, dem Auslieferungsfahrer der „Rethymnon Holz KG“, der hier mit seiner russischen Tänzerin Irina das Ja-Wort feierte.
Stili hat kaum Zeit zur Mitarbeit in der Taverne, er ist in Sachen Betonentsorgung völlig ausgelastet. Er kauft mittlerweile Grundstücke im Raum Maroulas auf, zieht mit seiner Kantina hin und her, und ist Ehrenmitglied der kretischen Betonfahrergewerkschaft.
Martin Keller 2005
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