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Stili Triandafildides hatte vor kurzem seinen 45 Geburtstag gefeiert und war sich bewusst, das sein Leben bislang nur wenige Höhen gezeigt hatte. Er verdiente seinen Lebensunterhalt durch zwei Jobs. Morgens stand er vor der Grundschule in Mesiria und lotste die Schüler über die vielbefahrene Straße zum Schuleingang. Dieser Job war nicht besonders gut bezahlt, brachte aber IKA-Beiträge ein, die ihm im Winter in den Genuss von 310€ Arbeitslosengeld brachte. Außerdem verschaffte ihm dieser Job eine Menge an Respekt. Eigentlich wollte er ja mal Verkehrspolizist werden, aber das scheiterte damals an seiner erheblichen Kurzsichtigkeit und der Tatsache, das in der Aufnahmekommission der Vater des dicken Vangeli saß, den er in seiner Schulzeit immer verprügelt hatte. Deshalb war er froh über den Lotsenjob, der ja in gewisser Weise Polizeimacht verlieh. Der zweite Job erbrachte den Hauptteil seines Haushaltsbudgets. Jeweils Montags und Donnerstags steht er mit seinem Gemüsestand auf dem Basari in Rethymnon und verkauft selbst gezogenes Gemüse. Wie erwähnt, war in seinem Leben bislang nichts besonders passiert und eigentlich war Stili mit diesem Leben ganz zufrieden.
Wenn da nicht die Hochzeit seiner Tochter Anna im April anstehen würde. Als seine Tochter ihm vor 6 Monaten eröffnete, das der Sohn vom Rechtsanwalt Manolis Krazakis ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte, war er sehr zufrieden, stieg durch diese Verbindung doch sein Ansehen in der Öffentlichkeit. Als er zum Ersten mal mit seiner Frau Sophia bei den Eltern des Bräutigams eingeladen wurde, fühle es sich allerdings etwas unwohl. Was für ein Anwesen, was für eine elegante Hausausstattung. Wie sollte er da bloß mithalten? Nach dem 11 Raki mit dem Rechtsgelehrtem, lenkte dieser, wie zu erwarten, das Gespräch auf die Mitgift. Herr Krazakis kündigte bewusst untertreibend an, er würde dem Brautpaar ein Grundstück schenken, „Nicht groß“, nur um die 8000qm, damit seine Enkelkinder später mal viel Platz zum spielen hätten. Dann bot er an, das es auch die Hochzeitskosten zahlen wolle, da ja ein Lotse eher weniger verdient.
„Bums“, das saß! Dieser Winkeladvokat wollte ihm an die „Ehre“ und wahrscheinlich würde dieser Krazakis ihm die nächsten 20 Jahre bei jedem Familientreffen an seine großzügige Mitgift erinnern. Stelios musste handeln, und nach dem 25 Raki machte er in einem Anfall von Größenwahnsinn eine folgenschweren Äußerung. „Weißt du Manolis“, hörte er sich selber sagen, ich habe noch eine Erbschaft zu erwarten und werde davon dem Brautpaar ein Haus auf das Grundstück stellen, „nicht groß“ nur so um die 300qm, damit „seine Enkelkinder“ später genügend große Zimmer erhielten! Verblüfft schaut ihn dieser Krazakis über seine Edeldesignerhalbbrille an und Stili merkte, das er Oberwasser bekommen hatte. Man umarmte sich und vereinbarte per Handschlag die Zustimmung zur Ehe. Der Hochzeitstermin sollte in 12 Monaten sein.
Am nächsten morgen, mit fadem Raki-Geschmack im Mund, beichtete Stili seinem Eheweib Sophia sein Versprechen! Was für ein Gezeter brach über ihn herein! „Du wirst uns in die Schande stürzen, du Vollidiot!“ „Meinst du etwa die Erbschaft von meiner Mutter?“ „Das sind doch nur 20.000 Euro, die reichen doch niemals für ein so großes Haus!“ Dann sprach seine Frau 3 Wochen kein Wort mehr mit ihm und was das schlimmste für Stelios war, sie strafte ihn mit Entzug der ehelichen Pflichten!
Der Anwalt war auch gleichzeitig Notar und brachte Stili recht schnell in Bedrängnis! Er überschrieb binnen 2 Wochen, bereits vor der Hochzeit, das Grundstück auf seinen Sohn und stellte einen Bauantrag. Nach 4 Wochen klingelte das Telefon. „Hier Manolis, zukünftiger Schwiegervater Deiner Tochter!“ „Gute Nachricht, der Bauantrag ist genehmigt und morgen kommt mein Freund Nikos Siligardos zu dir, er ist Architekt und hat schon fast fertige Pläne für das Haus. Schau dir das mal an und rede mit ihm über die Baukosten, er wird es dir bestimmt billiger machen“.
Nikos Besuch ließ ihn die Ausmaße seines Versprechens erkennen, das Haus sollte um die 250.000€ kosten! Er wimmelte den Architekten mit der Ausrede ab, dass er in seiner Familie selber einen Architekt hat und der lebe in Athen. Er bat um Verständnis, das er natürlich zuerst seine Familie mit solchen Aufträgen bedenken müsse. Mürrisch über den verlorenen Auftrag, verließ der Architekt die 3 Zimmer Wohnung im dritten Stock der Arbeitersiedlung in Perivolia. Bestimmt würde er sofort dem Anwalt berichten. Stili geriet in Panik und hielt es für besser, das Telefonkabel zu zerschneiden und an die Haustür einen Zettel zu hängen, auf dem stand: Sind 3 Wochen geschäftlich in Athen! . Was sollte er bloß tun? Seine Eheleben war stark beschädigt, seine Tochter würde mit ihm brechen und wenn erst mal die Nachbarschaft von seinem Versprechen erfahren würde, könnte er nie wieder einen Fuß in sein Kafenion setzten, ohne das dort hinter vorgehaltener Hand über sein „Projekt Hausbau“ gelästert würde.
Stili brauchte Zeit zum Überlegen und ging in die Stadt und kümmerte sich um einige Besorgungen. Beim Brillengeschäft stoppte er kurz, um seine neue Brille abzuholen. Mittlerweile hatte sich im Laufe der Jahre seine Sehkraft um 2 Dioptrien verschlechtert und er lief sozusagen blind durch die Gegend! Das war mittlerweile so schlimm, das er noch nicht mal die Schüler sah, die er über die Straße lotste. Es war ihm vor kurzem sogar passiert, das er wegen einen Ziege die ganze Straße für 5 Minuten sperrte und seit dem musste er sich von den Schülern ein lautes „Määäää“ anhören, wenn Sie am Straßenrand auf seinen Einsatz warteten. „650€ für eine verdammte Brille“, dachte Stili, die IKA zahlt nur 15 Euro für ein Horngestell dazu! Sein Monatsgehalt war weg und er dachte an Selbstmord, angesichts seiner finanziellen Lage.
Erfreulich war aber der Moment, als er die Brille aufsetzte! Er hatte wieder Durchblick und konnte seit Jahren wieder das erste Mal seine Umwelt richtig wahrnehmen! Er beschloss, noch etwas spazieren zu gehen, um eine Lösung zu finden für seinen Hausbau ohne Geld.
Als er auf der Nebenstraße ging, die parallel zur Schnellstraße verlief, fiel ihm zum ersten mal richtig auf, wie viel Bauschutt überall herumlag. „Panagia, die haben ihr Haus bereits fertig, und ich kann mir nur einen Strick leisten!“ Nur wenige hundert Meter entfernt lag das Grundstück, das der Herr Anwalt so großzügig zur Verfügung gestellt hatte. Kein Wunder, das er es so schnell angeboten hatte. Hier an der Autobahn umringt von Dreckbergen und Autolärm ist das Grundstück ja auch kaum was wert! So wanderte er gedankenversunken weiter und beobachtete Tuflasteinreste, Fliesenfragmente und mit Dreck gefüllte Zementsäcke! Immer wieder fielen ihm Reste von Betonhaufen auf, die sich im Abstand von 5 Metern am Straßenrand aufhäuften. Was sollte das denn? Es sah so aus, als wenn die Betonlaster Ihre Mischer hier reinigten und dann einfach illegal hier entluden.
Er berührte mit seiner Hand die abgehärteten Haufen. „Beste Qualität“ überlegte er nachdenklich. Der Kubikmeter Beton kostet zur Zeit 70€, wusste Stili und ihm wurde übel, bei dem Gedanken, wie viel Beton man für ein 300qm Haus brauchte! Zufällig rollte hinter ihm gerade ein Betonmischer heran und der Fahrer wirkte nervös. „Klar“, dachte Stili, der will wieder was loswerden und ich bin ihm dabei im Weg! Kein Wunder, der Fahrer spürte seine Lotsenautorität, dachte aber eher an Polizei in Zivil. Schnell gab der Fahrer Gas und entfernte sich. In einer Staubwolke blieb Stili stehen und stolperte über leere Bierflaschen und Essensreste. „Die Mischerfahrer scheinen hier auch ihre Pause zu machen“, dachte Stili. Im Laufe eines Kilometers zählte er annähernd 300 Betonhaufen, mal einen halben Kubikmeter, mal 2-3 Kubikmeter. Was für eine Verschwendung!
Dann traf ihn die Idee wie einen Keulenschlag! Seine Augen leuchteten, sein Puls beschleunigte sich auf 180. Im Nu war sein kretisches Improvisationstalent geweckt! Er hatte zwar kaum Geld und Länderein von seinem verstorbenen Vater geerbt, dafür aber viel von seiner Schlitzohrigkeit. Im Dorf Milli nannten sie seinen Vater damals „Schlawiner“. So hatte ihn ein Deutscher Besatzungssoldat getauft. Mit dem Versorgungsunteroffzier hatte er einen schwunghaften Handel mit Damenröcken aufgebaut, die sie aus „organisierten“ Fallschirmen produzierten.
In Stili lief urplötzlich ein Film ab, ganze Gedankenspiele liefen in seinem inneren Premierenkino und festigten sich zu einem ausgeklügelten Plan. Stili zwirbelte seinen Bart und beschleunigte seine Schritte bis zum Grundstück seines zukünftiges Schwiegersohnes! Nach 2 Stunden kam Stili gutgelaunt zu Hause an, wo er seine Sophia umarmte ihr mit listigem Blick seinen Plan ins Ohr säuselte!
Gegen Mittag schickte er seine Frau zur Bank, um Ihre kleine Erbschaft abzuholen. Stili besuchte in der Zeit seinen Vetter Jordannis im Bergdorf Maroulas und lieh sich von ihm einen Trennschleifer, ein Schweißgerät und dessen Lkw aus. Die Nacht verbrachte Stili mit ungewöhnter körperlicher Arbeit. Morgens um 6:00 fehlten an der Schnellstraße in Höhe Panormo 200m Leitplanke, was eigentlich kaum auffiel, da hier ständig irgendwelche Unfälle passierten und Leitplanken immer wieder zur Reparatur abgebaut wurden.
Bereits um 15:00 war die Nebenstraße zur Schnellstraße in Höhe des Baugrundstückes umgestaltet. Der Weg war auf 1km gesperrt. Am Anfang und Ende standen nun Leitplanken und irgendwie gelang es Stili eine improvisierte Zuführung zum Baugrundstück zu gestalten. Am nächsten Tag planierte eine Raupe seines Freundes Michalis die Hälfte der 8000 qm. Stili war in diese Zeit in Heraklion und erwarb für 500€ einen alten Wohnwagen, dem er einem gescheiterten deutschen Auswanderer abkaufte. Mit wenig Aufwand sägte Stili ein 3x3 m Loch in die rechte Seitenwand, schweißte etwas hier und etwas da und innerhalb von 24 Stunden war ein „Kantina“ entstanden. Sophia erwarb nach Plan einen Suflakia-Grill und beschaffte alle nötigen Vorräte, wie Amstel und Mythosbier, Unmengen an Fleisch und stellte Tische und Stühle auf, die Sie aus einer verlassenen Strandtaverne „besorgte“. Seinen Marktstand verkaufte Stili an den alten Markos, der schon lange scharf war auf den Marktstand in bester Frontlage. Mit dem Erlös von 10.000€ bezahlte Stili, seinen Schulfreund Georgis, der unter der Hand einen Bauplan von einem bekannten Architekten besorgte, der schon lange wegen einer Heiratsvermittlung in seiner Schuld stand. Georgis kümmerte sich auch um das Ausschachten der Baugrube, besorgte Stahl für die Armierung und stellte einige Inder ab, die neuerdings billiger zu finden waren als Albaner. Binnen einer Woche war die Grube fertig, verschalt und mit Armierung versehen. Als Sahnehäubchen stellte er ein Schild mit der Adia-Nummer auf! Solange die Nummer der Baugenehmigung gut sichtbar ist, droht kein Ärger mit allzu neugierigen Neidern. Sonntags saßen Georgis und Stili bei einer Karaffe Raki und beglückwünschten sich für die rekordverdächtige Vorbereitungsarbeit!
Am Montag um 6:00 eröffnete in Rethymnon eine neue Kantina mit Namen „Schlawiner“. Merkwürdig war nur, das sie soweit ab von Kundschaft und Verkehr mitten auf einem privaten Baugrundstück stand.
Stili und Sophia schmissen den Grill an und warteten darauf, das ihr Plan aufging. Kurz darauf konnte man die Silhouette des ersten Betonmischer sehen, der sich langsam auf der Schnellstraße näherte. Der Fahrer fuhr bewusst langsam, um die kleine Einfahrt in die Nebenstraße nicht zu verpassen. Er täuschte eine Geradeausfahrt vor und zog dann im letzten Moment über die geschlossene Doppellinie und rumpelte in die „neue“ Verkehrsanlage.
Der Fahrer hatte gerade eine Baustelle abgefertigt und wollte nun die Mischtrommel reinigen und die Reste entsorgen. Diese Tätigkeit ist bei Kretischen Betonfahrern sehr beliebt, bietet sie doch die Möglichkeit für eine ausgiebige Ruhepause. Irritiert hielt der Fahrer vor den Leitplanken, welche die Weiterfahrt in das „Abladegebiet“ versperrte, folgte dann aber der „Verkehrsführung“ und stand unvermittelt vor dem Baugrundstück von unserem Schlitzohr Stili. Ein Umdrehen war unmöglich, ohne über Stilis Grundstück zu drehen. Der Fahrer schaute erstaunt auf die Kantina und tat zunächst so, als hätte er sich verfahren. Stili stand vor dem rauchenden Grill und hielt dem Fahrer einladend ein Stück Lammfleisch entgegen.
Wenn einen Kreter etwas von der Arbeit abhält, ist es ein Stück Lammfleisch frisch vom Holzkohlegrill und so stellte der Fahrer seinen 20 Tonner vor der Kantina ab und folgte der Einladung. Stili bot ihm Platz an und übernahm sofort die Gesprächsführung. „Schweren Job habt ihr Jungs, immer auf Achse und wenig Zeit für Pause“. Der Fahrer biss sofort an und erzählte von seinem Boss Kostas, der, sobald die Fahrer auf den Betriebshof kämen, den Frust seiner gescheiterten Ehe an ihnen ausließ. “Der Sklaventreiber lässt uns noch nicht mal Zeit für eine ausgiebige Reinigung der technisch „hochentwickelten“ Mischtrommeleinheit mit anschließender Pause und jagt uns sofort wieder zur nächsten Baustelle“. „Warum reinigt Ihr Eure Trommeln nicht irgendwo in der Pampa und habt Ruhe vor dem Ekel“, fragte Stili hinterlistig. Der Fahrer biss von seiner Lammkeule ab und spielte zunächst den Entsetzten, „weißt du nicht, das illegales Entsorgen von Betonresten verboten ist, wenn dich dabei einer erwischt, ist ein Monatslohn Strafe fällig“. Stili kippte dem Fahrer einen doppelten Raki ein und bohrte nach. „Weißt du Fahrer, ich habe mich auch schon immer über die ganzen Betonhaufen gewundert, welche die Randstreifen zieren. Nun verstehe ich erst, mit welcher Angst Betonfahrer leben müssen“. Schnell legte er dem Fahrer ein neues Stück Fleisch auf den Teller und drückte die Taste des Kassettenrecorders.
Schwermütige kretische Musik lag über dem Bauplatz, als Stili Phase 2 einleitete. „Wäre es nicht schön, wenn man ohne Angst vor Boss und Strafen sein Reinigen mit einer Pause verbinden kann?“. „Ja, aber wo“, sagte der Fahrer und blickte unauffällig und sehnsüchtig zur abgesperrten Nebenstraße. Stili strich sich wie nebensächlich über die organisierte Anstecknadel der Betonfahrergewerkschaft und sagte, „weißt du, ich verstehe Euer Problem nur zu gut, war ich doch selber mal Betonfahrer und habe wegen dem Pausenproblem den Job gekündigt“. Sophia drückte sich schnell den Aufkleber „Ein Herz für Betonfahrer“ auf Ihre Schürze und schenkte dem Fahrer Raki nach. „Warum macht Ihr nicht hier zwischen jeder Fuhre Pause, ich würde euch auch einen Platz zum Reinigen zur Verfügung stellen“. „Wäre ja eine tolle Idee, aber wo sollen wir denn mit den Betonresten hin, die noch in der Mischertrommel sind?“. Stilis Nasenflügel zitterten vor Aufregung, war er doch kurz vor dem geplanten Ziel. “Weißt du Fahrer, du könntest die Reste ja immer in meine Baugrube schütten, das würde Dein Problem lösen und ich hätte auch noch einen kleinen Vorteil davon. Ist zwar nur noch mindere Qualität und schon fast hart, aber es würde einem jungen aufstrebenden Kantinabetrieb helfen!“
Der Fahrer sah sich nun auf dem Baugrundstück um und Stili konnte beobachten, wie seine Gehirnzellen rotierten. Sophia schenkte nach und man prostete sich zu. „Ich heiße übrigens Jordannis“, sagte der Fahrer. „Weißt du Stili, Dein Vorschlag ist akzeptabel, denn auf diesem Grundstück könnte man endlich mal Pause machen, ohne gleich von Chef gesehen zu werden. Der Platz hier ist nicht einsehbar und es besteht keine Gefahr, von jemand angeschwärzt zu werden. Ich glaube, ich werde ab heute jeden Tag zwischen den einzelnen Fuhren zu dir kommen“
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